Formgestaltung

In der heutigen Zeit leben wir in einer funktionsgeprägten Welt. Diese Welt erfährt eine grenzenlose Öffnung, nicht nur in alle Himmelsrichtungen, sondern auch in wissenschaftlicher, technischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Welche Bedeutung haben in dieser Zeit gestalterische Fächer an einer technisch orientierten Fachschule?

Der Steinmetz bzw. Steintechniker verarbeitet Naturstein, der durch seine  Ursprünglichkeit und den darin begründeten einzigartigen Materialcharakter seit jeher höchste gestalterische Anforderungen an seinen Verarbeiter beziehungsweise Anwender stellt. Die zeitlosesten und beeindruckensten Kulturblüten, die unsere Geschichte hinterlässt, sind in Stein gehauene künstlerische und architektonische Meisterleistungen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Stein durch den bereits erwähnten  ursprünglichen Materialcharakter bis vor kurzem fast von selbst in der Lage war, einen einfühlsamen Gestalter zu führen. Durch die zunehmend fehlende Offenheit für solche sensiblen Prozesse und einer ausschließlichen Hinwendung zu einem erfolgs- und gewinnorientierten Handeln, fällt es auch unseren angehenden Steinmetzmeistern und Steintechnikern immer schwerer, mit diesem herrlichen Werkstoff verantwortungsbewusst umzugehen.

In den von mir unterrichteten Fächern Formgestaltung und Freihandzeichnen werden die Schüler aufgrund dieser Problematik mit einer kompromisslosen Hartnäckigkeit an die zu übernehmende Verantwortung herangeführt. Ein wichtiger Schritt in diesem Lernprozess ist die Erfahrung, dass mit entsprechendem Einsatzwillen ein jeder Schüler, unabhängig von einer Begabung zu einer individuellen und fundierten Formlösung kommt. Die Schüler lernen, wie mit zeitlosen Form- und Proportionsregeln Zeiten überdauernde und zugleich zeitgemäße Gestaltungen geschaffen werden können. Rein individuelle Vorstellungen, die mit allgemeinen Begriffen wie Gefallen und Schönheit in Verbindung gebracht werden, müssen hier unbedingt zurücktreten.

Der Umgang mit zeitlosen Formelementen ist ein faszinierender Prozess, der den Gestalter immer wieder aufs Neue ermuntert und motiviert. Wer dies einmal begriffen hat, der kann als verantwortungsbewusster und kreativer Handwerker seine Aufgaben mit Freude wahrnehmen, ohne sich vor einer Konkurrenz fürchten zu müssen.

Das Fach Freihandzeichnen fließt nahtlos in das Fach Formgestaltung ein.

Freihandzeichnen ist ein Barometer für den Grad der Konzentrationsfähigkeit und der Leistungsbereitschaft eines Schülers. Über sehr sachlich und konkret konzipierte Vorgehensweisen beim Zeichnen wird in erster Linie ein Bewusst-machen des Gesehenen angestrebt. Dies ist in der heutigen schulischen Ausbildung ein allgemeiner Problempunkt. Es wird viel gesehen und gelernt aber oft nicht all zuviel verstanden, weil die Problematik nicht verinnerlicht wird.

Die Freihandzeichnung ist hier ein ideales Lehrmittel. Nur wer sich durch intensives Hinsehen das Gesehene wirklich bewusst macht, erkennt und begreift das Wesentliche und Charakteristische und kann es durch eine individuelle Freihandzeichnung sichtbar machen. Erst durch solches Hinsehen können Proportionen und Größen richtig geordnet und kombiniert werden. So wird das Gesehene analysiert und verstanden.

Dieser Prozess ist meilenweit von einer Zeichnungsauffassung entfernt, die auf oberflächliche Schönheit und Wiedererkennbarkeit abzielt. Solche Zeichnungen sind wertlos.

Wolfgang Stefan